Der Amazonas Europas

Der Amazonas Europas

Dies ist eine Repor­ta­ge, das heißt du wirst cir­ca 10 Minu­ten für die­sen Text inklu­si­ve Bil­der­an­schau­en ver­brin­gen. Also mache es dir gemüt­lich und genie­ße :).

Mein Han­dy klin­gelt – es ist eine Nach­richt von Tibor: „ I am infront of the house“. Es ist eine Minu­te vor 9 – super pünkt­lich also. Stef­fen und ich sind schon sehr gespannt. Schnell packen wir noch das Sta­tiv und Kame­ra ein und raus geht’s vors Haus. Und da ist er schon: unser Date Tibor. Er ist so nett uns auf sei­ne Rou­ti­ne­fahrt durch eines der größ­ten und schöns­ten Feucht­ge­bie­te an der Donau mit­zu­neh­men, das Kopački Rit.

Wir sind gera­de in der sla­wo­ni­schen Stadt Osi­jek, der Hei­mat­stadt und Wunsch­hei­mat Tibors, der für die Natur- und Vogel­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on Kroa­ti­ens HDZPP arbei­tet. Bereits sein Vater, Jozsef Mikus­ka, war ein inter­na­tio­nal aner­kann­ter Orni­tho­lo­ge (Vogel­kund­ler). Bei so einem ähn­li­chen Trip wie wir ihn heu­te machen hat ihn die Lei­den­schaft, spe­zi­ell für Rei­her und Löff­ler, gepackt. Er war über 10 Jah­re Mit­ar­bei­ter des Natur­parks Kopački Rit – die geball­te Ladung Exper­ti­se also. Auf löch­ri­gen Stra­ßen fah­ren wir Rich­tung Natur. Unser ers­ter Halt ist eine frisch gemäh­te Wie­se mit run­den Heu­bal­len.

Hier seht ihr Tibor und mich beim Vogel­span­nen… Fern­glä­ser sind beim Bird­watching uner­läss­lich! Auch eine Kame­ra mit Tele­ob­jek­tiv wäre super, lei­der haben wir kei­nen tol­len Zoom 🙁

Wir sich­ten Rei­her in sil­ber, grau und pur­pur, spä­ter auch in gold und braun. Eini­ge Nebel­krä­hen kräch­zen ordent­lich dazwi­schen. Über dem anmu­ti­gen Gewu­sel zieht ein Schwarz­mi­lan sei­ne Krei­se.

Auf der nächs­ten kur­zen Fahrt zum Natur­park­zen­trum erfah­ren wir, dass in Osi­jek jeden Früh­ling Pro­pa­gan­da betrie­ben wird. Es geht um die läs­ti­gen Mücken. Ein gro­ßes Geschäft für die weni­gen Insek­ti­zid-sprit­zen­den Unter­neh­men, die den Pla­ge­geis­tern jedes Jahr den Gar aus­ma­chen. Was das mit dem Kopački Rit zu tun hat? Es wird behaup­tet, dass die Mücken zum größ­ten Teil von dort in die ca. 10km ent­fern­te Stadt schwär­men. Dies ist laut Tibor nicht wahr, da die Mücken haupt­säch­lich den Pfüt­zen und wei­te­ren städ­ti­schen Mini-Feucht­ge­bie­ten ent­schlüp­fen. Vom Rit ver­ir­ren sich nur eini­ge hier­hin, vor allem, da die Drau eine natür­li­che Bar­rie­re bil­det. Wir zumin­dest wer­den wäh­rend des gesam­ten Auf­ent­hal­tes im Rit nicht ein­mal von einer Mücke gesto­chen 😉 Kein Grund also das Feucht­ge­biet tro­cken­zu­le­gen!

Unser nächs­ter Halt ist das Natur­park­zen­trum. Dort gibt es ein neu­es, modern ein­ge­rich­te­tes Besu­cher­zen­trum mit Sou­ve­nir­shop, Mul­ti­me­dia-Aus­stel­lung und Café. Die Häu­ser sind mit Reed bedeckt und pas­sen so wun­der­bar in die Land­schaft.

Ein Spa­zier­gang über den lan­gen Steg durch den Schilfwald offen­bart so man­che Beson­der­heit.

Die Natu­ra 2000 Art Buto­mus umbel­la­tus oder ein­fa­cher gesagt Schwa­nen­blu­me ist eine der Rari­tä­ten.

Auch die euro­päi­sche Sumpf­schild­krö­te, die ein­zi­ge wild vor­kom­men­de Schild­krö­te in Euro­pa, kann man hier tro­cke­nen Fußes ent­de­cken.

Wäh­rend uns Tibor die Ent­ste­hung des Kopački Rits anhand einer Kar­te erklärt, kom­men vie­le Mit­ar­bei­ter und sogar der Natio­nal­park­di­rek­tor für ein kur­zes Schwätz­chen vor­bei. Das Sumpf­ge­biet liegt nörd­lich des Zuflus­ses der schnell flie­ßen­den Drau in die Donau. Durch eine schar­fe Kur­ve wei­ter süd­lich wird die Donau zurück­ge­staut, wodurch die­ses Vogel­pa­ra­dies ent­stan­den ist. Durch mensch­li­che Ein­grif­fe wie Däm­me ist das Gebiet auf ca. 177km2 geschrumpft (was immer noch ver­dammt groß ist).

Mit der ver­in­ner­lich­ten Geschich­te dür­fen wir nun ins Feucht­ge­biet. Die Land­schaft sieht rich­tig urig aus – ver­knorr­te, alte Wei­den ste­hen ver­ein­zelt in einem Mosa­ik aus grü­nen Grä­sern. Soweit das Auge reicht zie­hen sich Was­ser­adern durch die Gras­tep­pi­che – idea­le Bedin­gun­gen für vie­le Insek­ten, Fische, Amphi­bi­en und Vögel. Auch Säu­ge­tie­re wie Wild­schwei­ne und Rehe füh­len sich hier sau­wohl.

An einem der zwei natür­li­chen Seen gibt es Kor­mo­ra­ne, Nacht­rei­her und Moo­ren­ten zu sehen und das ein­zi­ge wofür Stef­fen sich inter­es­siert ist ein Biber… 😉 Neben dem Biber kann auch die wun­der­schö­ne Land­schaft Stef­fen in ihren Bann zie­hen.

Aus dem Auto her­aus wer­den wei­te­re Vögel gesich­tet und gezählt. Neben­her erzählt Tibor, dass er vie­le Pro­jek­te mit unse­rem Koope­ra­ti­ons­part­ner Euro­Na­tur durch­führt, u.a. die Blue Heart Kam­pa­gne und Adria­tic Fly­way.

Tibor zählt alle Vögel­chen auf die­ser Tour und notiert sie in für mich eher Hie­ro­gly­phen ähneln­der Schrift auf sei­nem blau­en Klemm­brett.

Vor allem bei den Greif­vö­geln ist das Buch der Bücher, Col­lins Bird Gui­de, uner­läss­lich – zumin­dest für mich als Orni-Lai­en.

Hier ist ein Sei­den­rei­her (Egret­ta gar­zet­ta) im Flug zu sehen. Den erken­ne ich noch gera­de so ;). Doch unse­re Tour besteht nicht nur aus Vögel­be­stau­nen. Auch Geschich­te steht auf dem Pro­gramm.

Im Nor­den des Natur­par­kes liegt die Sied­lung Tik­veš mit geseg­ne­ter Kapel­le, altem und neu­em Schloss. Da die Wäl­der rings­um von Wild gesät­tigt sind, war und ist es ein sehr belieb­tes Jagd­ge­biet. Vie­le berühm­te Per­sön­lich­kei­ten haben hier schon Gewehr ange­legt. Wir sind durch den Park geschlen­dert und haben uns vor­ge­stellt, wie Tito, der Jugo­sla­wi­en-Staats­prä­si­den­ten sich hier auf­ge­regt hat. Der Grund ist auf fol­gen­dem Bild zu sehen: 

Titos schö­nes Jagd­schlöss­chen wur­de durch einen Anbau ver­schan­delt. Nur, weil hoher Besuch anstand und zwei Regie­rungs­ober­häup­ter aus Trad­ti­ti­on nicht unter dem glei­chen Dach schla­fen durf­ten. Tito war so erbost über die­sen archi­tek­to­ni­schen Super-GAU, dass er die­sen Ort nie wie­der betrat. Dem Natur­park hat es nicht gescha­det, da die Ver­wal­tung an die­sem schö­nen Ort vie­le Jah­re ihren Sitz hat­te.

Das alte Schloss ist nur weni­ge Meter vom neu­en ent­fernt. Über der Tür sieht man ein Datum. 2. Juli 1927.

Wir lagen natür­lich mit unse­ren Ide­en falsch – kei­ne Hoch­zeit, von wegen geils­tes Som­mer­fest ever, kei­ne Erin­ne­rung an einen Über­fall, auch nicht der Tag des Richt­fes­tes. Es ist die Mar­kie­rung des Was­ser­stan­des der Donau an die­sem Tag. Blöd bzw. voll gelau­fen…

Die Exkur­si­on ist aber alles ande­re als blöd gelau­fen. Mei­ne Vogel­sich­tungs­lis­te hat sich u.a. mit Moo­ren­te, Nacht­rei­her und Zwerg­schar­be auf gut 100 Vogel­ar­ten erhöht. Wir haben den Ama­zo­nas Euro­pa haut­nah erle­ben dür­fen – und das dank Tibor! Wir wün­schen ihm und damit auch dem Kopački Rit und den Zug­vö­geln alles Gute. Dazu zäh­len u.a. ein bes­se­res Jagd- und Forst­ma­nage­ment, die Ernen­nung des Rits zum Natio­nal­park und dass die Men­schen end­lich ver­ste­hen, dass die Mücken nicht (nur) von hier kom­men ;). Dan­ke Tibor!

Noch eine letz­te Sache: Vie­le Vögel sind Zug­vö­gel, wes­we­gen es wich­tig ist, ihnen Rast­mög­lich­kei­ten ent­lang ihrer Zug­rou­ten zu geben. Mit unse­rer Rad­tour machen wir spe­zi­ell auf einen die­ser Orte auf­merk­sam: die Sali­ne Ulcinj. Falls du die Peti­ti­on zu ihrem Schutz noch nicht unter­schrie­ben hast, kannst du dies hier machen: www.savesalina.net

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen