Vom Guru und Little India

Vom Guru und Little India

Ich will zurück zu mei­ner Mama!“ So einen Satz sagt man als 28-Jäh­ri­ger nur in äußers­ten Not­fall­si­tua­tio­nen. Für Stef­fen und mich war das an Tag 1 unse­rer nach­hal­ti­gen Welt­rei­se der Fall: Gewit­ter im Nacken und seit zwei Stun­den im ers­ten Gang den Berg hoch­ge­kra­xelt mit gefühlt 2 Ele­fan­ten im Gepäck. Dann, keu­chend, fix und fer­tig und rich­tig durch, weil wir alle 10 Meter anhal­ten und nach Luft schnap­pen muss­ten, fiel der besag­te Satz.
Aber: nur gefühlt noch ein­mal 2 Stun­den spä­ter hat­ten wir es geschafft! Wir waren oben auf dem Witt­hoh ange­langt. Unser ers­ter Son­nen­un­ter­gang hat uns für die Anstren­gung fast voll­stän­dig ent­schä­digt.

Fix und fer­tig an der euro­päi­schen Was­ser­schei­de – Wet­ter: beschei­den…

Ers­ter Tag und schon ein schö­nes, schwer ver­dien­tes Pan­ora­ma

Im Anschluss dann das Bei­na­he-Aus der Welt­rei­se: Mit 45km/h den Berg run­ter fängt mein Ele­fan­ten-Rad an zu schlen­kern – OMG! Im abso­lu­ten Adre­na­lin­kick len­ke ich etwas nach links und kann so den Super-GAU abwen­den. In Tutt­lin­gen ange­kom­men ver­daue ich den Schlen­ker-Schock bei einem lecke­ren Abend­brot bei mei­ner Freun­din Leo, unse­rer ers­ten Gast­ge­be­rin!

Zahn­putz­sack“ – mei­ne Eltern haben lan­ge gerät­selt, was ich damit als Klein­kind mein­te – es waren nicht die mitt­ler­wei­le heiß gelieb­ten Zahn­putz­ses­si­ons, son­dern die Geschen­ke „Zum Geburts­tag“

In den nächs­ten Tagen an der deut­schen Donau pas­sier­te uns glück­li­cher­wei­se nichts Gefähr­li­ches mehr – obwohl so manche*r das für unmög­lich gehal­ten hat… Wir haben näm­lich bei uns völ­lig frem­den Leu­ten über­nach­tet. Denn das ist, wie wir rei­sen: Über die (Online-)Plattformen BeWel­co­me, Couch­sur­fing , SERVAS und warm­show­ers.

Ein­mal dort ange­mel­det, fin­den sich tau­sen­der herz­al­ler­liebs­ter Men­schen, die nur dar­auf war­ten einen mit war­men Duschen, beque­men Sofas und inter­es­san­ten (Reise-)Geschichten herz­lich zu emp­fan­gen. Bis jetzt haben wir schon tol­le Bekannt­schaf­ten gemacht. Vom Sal­sa-tan­zen­den, Piz­za-anbren­nen­den Fer­ra­ri-Lieb­ha­ber, über die Essen ret­ten­de und anbau­en­de Unver­packt-WG bis zum sich beim Klo­gang im Spie­gel anschau­en­den Hob­by-Imker waren eini­ge Kurio­si­tä­ten dabei. Allen gemein: die gro­ße Gast­freund­schaft, außer­ge­wöhn­li­che Auf­ge­schlos­sen­heit und unvor­ein­ge­nom­me­nes Ver­trau­en. Wir lie­ben euch, ihr lie­ben Hosts!

Zwei sind uns beson­ders hän­gen geblie­ben: Guru­Tom und IT-Ratul!

Tom und wir auf dem Som­mer­berg.

Ashish, Ratul, Nahid, Mahin und wir am zwei­ten Abend in Pas­sau.

Die bei­den haben so eini­ge Par­al­le­len, man könn­te schon mei­nen Ratul sei das indi­sche Pen­dant zu Tom. Bei­de sind Quas­sel­strip­pen mit Mono­lo­gen, die so fas­zi­nie­rend sind wie der Mount Ever­est für Berg­stei­ger – hoch emo­tio­nal, inspi­rie­rend und auf Teil­stre­cken anstren­gend. Außer­dem sind bei­de sehr tier­freund­lich, aber auf ziem­lich ande­re Wei­se: Tom liebt Hund Mike und Kat­ze XXX sei­ner lei­der vor kur­zem ver­stor­be­nen Mut­ter. Ratul hin­ge­gen gewährt Staub­mil­ben und Schlan­gen in Ecken und im ver­wil­der­ten Pool ein Zuhau­se. Dort wohnt er übri­gens zusam­men mit 2 wei­te­ren Indern und 2 Ban­gla­de­schern. Spaß und Unter­hal­tung waren also vor­pro­gram­miert.

Außer­dem haben bei­de inter­es­san­te Lebens­ge­schich­ten: Tom war ein­mal Bio-Geträn­ke­händ­ler im Ruhr­pott und ist nun Ernäh­rungs­ex­per­te und ver­treibt Cel­la­gon-Pro­duk­te, damit jeder gesund wird bzw. bleibt. Ratul hat in Indi­en einen Foodtruck betrie­ben und rest­li­ches Essen nachts um 12 in Slums in Kal­kut­ta ver­teilt. Nun stu­diert er Infor­ma­tik und möch­te in 10 Jah­ren ein Restau­rant auf­ma­chen, in dem Bedürf­ti­ge gra­tis Mit­tag bekom­men, damit jeder genug zu essen hat.

Somit wären wir bei der größ­ten Lei­den­schaft der bei­den: Essen. Die zwei zau­bern Ein­fach unglaub­lich lecke­res Essen!

Mit Tom haben wir außer­dem noch eine klei­ne Wan­de­rung durch das Natur­schutz­ge­biet Braun­sel gemacht. Dabei ent­stan­den unter ande­rem fol­gen­de Bil­der:

Steck­brief Natur­schutz­ge­biet Braun­sel
Natur­schutz­ge­biet seit 1991

Grö­ße: 40,1 Hekt­ar
Natur­raum: Mitt­le­re Flä­chen­alb
Kurz­be­schrei­bung: Die Braun­sel ist ein aus 32 Karst­quel­len ent­sprin­gen­der
Bach mit einem Was­ser­vo­lu­men bis zu 1500l pro Sekun­de, der nach 920m am Hoch­wart­fel­sen in die Donau mün­det.
Tier­ar­ten: Eis­vo­gel, diver­se Zug­vö­gel, Schmet­ter­lin­ge, Wild­bie­nen, Insek­ten
Pflan­zen­ar­ten: Am 30m hohen Hoch­wart­fel­sen Arten der Step­pen­hei­de wie Gemei­ne Küchen­schel­le, Berg-Lauch und Kart­häu­ser-Nel­ke; typi­scher Bewuchs der Auen‑, Schlucht- und Step­pen­hei­de­wäl­der

An der Donau befin­den sich außer­dem vie­le wei­te­re Natur­schutz­ge­bie­te. Etwas abseits haben wir am zwei­ten Tag unse­rer Welt­rei­se noch einen Abste­cher in das größ­te Moor Baden-Würt­tem­bergs gemacht – zum Feder­see. In einem sepa­ra­ten Blog­ein­trag erzäh­len wir von unse­ren Erleb­nis­sen dort. Hier ein klei­ner Appe­ti­zer.

Roman­tik pur am Feder­see

Wäh­rend unse­rer Rei­se hat­ten wir eini­ge tie­ri­sche Begeg­nun­gen – die meis­te Zeit hat­ten wir blin­de Pas­sa­gie­re an Bord. Heu­schre­cken, Amei­sen, Käfern, Flie­gen und und und… Alle zu faul zum Krab­beln.… tststs… Unser Held des Tages war aber der Held­bock, ein in Deutsch­land vom Aus­ster­ben bedroh­ter Käfer, der es sich auf unse­rer Pau­sen­brot­tü­te bequem gemacht hat. Hat­te wohl auch Hun­ger… Er ist einer der größ­ten Käfer in Mit­tel­eu­ro­pa mit bis zu 5,3cm Län­ge (plus noch bis zu 10cm lan­ge Füh­ler). Also ein kras­ser Bock. Wir hat­ten rich­tig Glück ihn zu tref­fen, da aus­ge­wach­se­ne Käfer inner­halb ihres Lebens nur 40 Tage die bes­ten­falls über mind. 80 Jah­re alte Stie­lei­che ver­las­sen.

Unser Pau­sen­clown: Mr. Held­bock ali­as Gro­ßer Eichen­bock (oder auf klug Cer­am­byx cer­do)

Aber nun genug aus der Tier­welt und mehr zum The­ma Essen (könn­te man Insek­ten ja auch, aber dann bit­te nicht den Held­bock ;).

Wir waren an unse­rem längs­ten Tag bis­her – Tag 2 unse­rer Rei­se mit 110 km und 1000 Höhen­me­tern – auch am erfolg­reichs­ten was die Nah­rungs­su­che anging. Gera­de als wir uns an das kom­pli­zier­te Mit­tag­mach­ri­tu­al machen woll­ten, kam eine Frau einer nahe gele­ge­nen Jugend­her­ber­ge genau recht: sie hat­te von der Ver­pfle­gung der kajak­fah­ren­den Gäs­te noch drei Schüs­seln grie­chi­schen und Nudel­sa­lat, Eier, Baguette und Käse­spie­ße übrig. Das Essen hat uns für drei Mahl­zei­ten gereicht. Auch an ande­ren Tagen sind wir fün­dig gewor­den.

Die barm­her­zi­gen Bäu­che haben Sala­te vor dem Tod bewahrt

Rei­fe Kirsch­bäu­me – ein wah­rer Segen. Komisch, dass die alle noch voll hän­gen! Unser Tipp: www.mundraub.org

In der Unver­packt-WG gab es vie­le con­tai­ner­te und geret­te­te Lebens­mit­tel – und Fel­sen­bir­nen frisch vom Baum.

Der Ersatz-Spi­nat ali­as Brenn­nes­sel hat ein paar unse­rer Mahl­zei­ten ange­rei­chert. In Was­ser gewa­schen brennt sie auch nicht mehr.

Auf unse­rem Weg ent­lang der Donau haben wir auch so eini­ges bemerkt. Zual­ler­erst die unter­schied­li­chen Stra­ßen- und Rad­ler­be­schaf­fen­hei­ten: auf per­fek­tem Inli­ner-Teer ras­ten grü­ne, pin­ke und gel­be Männ­chen an uns vor­bei. An stei­len Hügeln lie­fen die Elek­tro­mo­to­ren der rüs­ti­gen Rent­ner heiß und auf den Schot­ter­pis­ten auf dem Donau­deich wur­den alle ordent­lich durch­ge­schüt­telt. In Bay­ern fie­len uns die vie­len Kreu­ze auf. Zwi­schen Rech­ten­stein und Ulm gab es einen klei­nen Berg mit 20% Stei­gung. Als Beloh­nung für die Meis­ter­leis­tung das ca. 20 – 80kg schwe­re Rad da unter Schweiß­aus­brü­chen hoch­be­kom­men zu haben, zau­ber­ten die Dett­hau­se­ner einen Rast­platz mit Gäs­te­buch und Brun­nen. Erzürn­te Aus­län­der kön­nen da ihre Wut über die­se fre­che Stei­gung los­wer­den… oder ein gro­ßes Dan­ke für den Brun­nen hin­ein­schrei­ben. Zehn Bücher sind es mitt­ler­wei­le.

Auch in unse­rer letz­ten Sta­ti­on in Pas­sau gab es noch ein­mal eine ca. 20% Stei­gung – nur die­ses Mal haben Ratul und sein Mit­be­woh­ner Asish die Räder gescho­ben. Was für eine unfass­ba­re Gast­freund­schaft – sogar die Dett­hau­se­ner könn­ten sich da noch eine Schei­be abschnei­den!

Das also waren unse­re Ein­drü­cke vom Abschnitt „Deut­sche Donau“, die immer dicker wur­de. Wir hät­ten Deutsch­land ger­ne noch mehr ken­nen­ge­lernt, doch die Kran­ken­kas­sen­kos­ten hiel­ten uns ab. Sor­ry und selbst Schuld Deutsch­land, aber wir kom­men bald zurück – in cir­ca 2 Jah­ren.

Falls du öfter ein Update möch­test, kannst du ger­ne auf unse­ren Soci­al Media Kanä­len vor­bei­schau­en. Vor allem bei Face­book und Insta­gram pos­ten wir häu­fi­ger Moment­auf­nah­men.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Hal­lo nicht jam­mern wegen der Ber­ge Rich­tung Tutt­lin­gen. Bin die­se schon 2 mal rauf auf mei­ner Tour vom Boden­see den Neckar run­ter bis Mann­heim und den Rhein wei­der hoch zum See und vor 2 Jah­ren vom Boden­see den Donau­rad­weg bis Pas­sau und wie­der zurück. Bei­de Tou­ren ca. 90o km. Noch schlim­mer war die Tour Boden­see über den Splü­gen­pass ca. 2000 m hoch zum Comer­see und zurück und damals mit einem
    Bau­markt Fahr­rad. das schlimms­te Stück war zurück vom Lago di Mez­zo­la, Höhe ca. 150 m über Splü­gen­pass ca. 2020 m und run­ter nach Splü­gen 55 km. Von den Km hab ich bestimmt 35 km nur gescho­ben. Kurz vor dem Pass hab ich noch Eis geges­sen ab Pass gabs Schnee­re­gen und Regen bis Splü­gen. Hab gezit­tert wie Espen­laub. Und ich bin Jahr­gang 1945.
    Also nicht jam­mern, es kommt sicher noch schlim­mer und man hat die Schnau­ze gestri­chen voll und fragt sich war­um mach ich dass? Man schafft es aber, also Kopf hoch. Die­ses Jahr nur klei­ne Tour vom Mainz den Rhein run­ter und die Mosel und Saar hoch bis Saar­brü­cken, man wird nicht jün­ger.
    PS: Bei Berg­ab­fahr­ten, seid vor­sich­tig ich bin mal mit vol­ler Aus­rüs­tung auf eine Lich­tung, aus dem Wald her­aus gefah­ren uns ganz schön ins Schleu­dern gekom­men ‑Sei­ten­wind- höt ich nie gedacht.
    Alles Gute und wei­ter so Carl 15.06.2018

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