Georgien – Ein Monat voller Kälte und Wärme

Georgien – Ein Monat voller Kälte und Wärme

Bei jeder Ein­rei­se in ein neu­es Land fra­gen wir uns, was uns wohl für Begeg­nun­gen erwar­ten. Unse­re Erwar­tun­gen an Geor­gi­en sind hoch, da wir bis­her nur posi­ti­ves von ande­ren Rei­sen­den gele­sen und gehört haben. Tol­le Men­schen, atem­be­rau­ben­de Natur – ein kau­ka­si­sches Para­dies, das sich eher euro­pä­isch als asia­tisch sieht. Und so fängt unse­re Geschich­te mit Geor­gi­en an.

Graue Gren­ze
Kurz vor der Stadt Batu­mi direkt am Schwar­zen Meer rei­sen wir mit der tür­ki­schen Bus­un­ter­neh­men Ulu­soy an. Uns wird etli­che Male ver­si­chert, dass nach dem Grenz­über­gang ein Anschluss­bus auf uns war­tet. Also schul­tern wir unse­re schwe­ren Ruck­sä­cke und lau­fen los. Nach einer kur­zen Ver­wir­rung, wel­che Tür wohl die rich­ti­ge ist, fin­den wir den Schal­ter zum Aus­che­cken aus der Tür­kei. Es war ein kur­zes Inter­mez­zo von nur acht Tagen. Dann betre­ten wir Nie­mands­land. Es geht in einen grau­en Gang – links, rechts, oben – über­all Blech­wän­de, kein Aus­gang. Platz­angst macht sich breit. Nach cir­ca einem Kilo­me­ter Enge sehe ich das Licht am Ende des Tun­nels. Nach erneu­ter Ver­wir­rung fin­den wir dann auch den Weg zum Ein­che­cken nach Geor­gi­en. Der ers­te Geld­au­to­mat funk­tio­niert nicht. Der zwei­te aber glück­li­cher­wei­se schon. Ein Mann ver­sucht Stef­fen ein­zu­re­den, dass er sein Han­dy kaputt gemacht hat und ein ande­rer bet­telt in auf­dring­li­cher Wei­se. War­um zie­hen graue Grenz­über­gän­ge zwie­lich­ti­ge Gestal­ten an?

Übri­gens, kein Bus war­tet auf uns. Ein geor­gi­scher Poli­zist sagt dazu nur mit einem Schul­ter­zu­cken “Wel­co­me to Geor­gia”. Also sprin­gen wir in eine Mashrut­ka (Mini­bus) – schnell weg von hier. Wir haben heu­te näm­lich noch ein Ziel: Der Natio­nal­park Mtira­la. Dort haben wir uns für drei Näch­te ein Zim­mer im Green Hotel gebucht.

Schwar­zer Natio­nal­park
In Batu­mi, der war­men Unter­hal­tungs­hoch­burg am Schwar­zen Meer, kau­fen wir für die nächs­ten Tage Ver­pfle­gung ein und suchen uns ein Taxi. Es ist spä­ter Nach­mit­tag und Bus­se fah­ren gera­de gene­rell nicht in den Natio­nal­park. Wir fin­den einen Taxi­fah­rer in unse­rem Alter, der die ein­stün­di­ge Fahrt nach Chak­vis­ta­vi mit uns auf sich neh­men möch­te. Es ist bereits dun­kel und wir hei­zen in rasan­tem Tem­po in sei­nem Hybrid­au­to über die Schnell­stra­ße. Sobald wir die Aus­fahrt neh­men, wird es hucke­li­ger und lang­sa­mer. Bald schon win­den wir uns enge Wege zwi­schen schwar­zen Ber­g­um­ris­sen immer wei­ter nach oben. Es ist bewölkt und wir kön­nen die schö­ne Natur nur erah­nen. Kein Licht­schein ver­rät etwas von der Schön­heit des Natio­nal­parks. Und dann sehen wir schon das Gebäu­de: Das Green Hotel. Es besteht aus ein paar Zim­mern neben der Natio­nal­park­aus­stel­lung und –infor­ma­ti­on. Ich stei­ge die Holz­stu­fen hin­auf und mei­ne böse Vor­ah­nung bestä­tigt sich: es ist alles dun­kel. Kei­ner da. Ich rufe und klop­fe an alle Türen, doch nichts rührt sich. Hin­ter dem Gebäu­de tost ein Berg­bach. Vor dem Holz­haus steht ein Auto, doch kein Leben ist weit und breit zu ent­de­cken. Nach eini­gem Hin- und Her­über­le­gen ent­schei­den wir uns umzu­keh­ren.

Der Natio­nal­park bleibt für uns eine schwar­ze Erin­ne­rung.

Süßes Sil­ves­ter
Wir bit­ten unse­ren Taxi­fah­rer, der übri­gens für das geor­gi­sche Mili­tär arbei­tet und des­we­gen wohl so gut Auto fährt, uns zu einer ande­ren Unter­kunft zu fah­ren. Das ers­te, was ihm ein­fällt, ist ein Luxus­re­sort Extre­me, pro Zim­mer über 150 Dol­lar. Da kön­nen wir nur lachen. Also suchen wir über booking.com zwei ande­re Unter­künf­te raus – lei­der bei­de geschlos­sen. Also las­sen wir uns zurück nach Batu­mi kut­schie­ren und mie­ten uns in ein Apart­ment ein. 2 Stun­den umsonst CO2 aus­ge­sto­ßen! Ziem­lich frus­tie­rend so etwas! Dabei haben wir doch nur Ruhe über Sil­ves­ter gewünscht. Wir bewe­gen uns den nächs­ten Tag nicht aus dem Haus – Schmoll­pha­se pur und ein uner­füll­ter Wunsch!

Doch sie­he da, am Abend steht auf ein­mal unse­re Ver­mie­te­rin mit ihrer Toch­ter vor der Tür und bringt uns einen rie­sen­gro­ßen Tel­ler Kuchen und geor­gi­schen Wein! Unse­re Lau­ne ver­bes­sert sich schlag­ar­tig! Sie haben uns damit unse­ren Tag und sogar unse­re ers­te Erfah­rung mit Geor­gi­en ver­süßt.

Bun­tes Chu­be­ri
Nach dem schwar­zen Vor­fall wol­len wir Geor­gi­en und sei­ner Natur noch ein­mal eine Chan­ce geben. Da es ziem­lich kalt hier ist, den­ken wir uns, war­um Regen, wenn man auch Schnee haben kann, und pei­len die Ber­ge im Nord­wes­ten an. Welch ein Glück, dass es seit kur­zem eine Couch­sur­fe­rin dort gibt. Ihr Name ist Salo­me und sie hat unse­re Anfra­ge bereits bestä­tigt. Wir dür­fen 3 Näch­te bei ihr und ihrer Fami­lie leben. Stef­fen ist noch etwas skep­tisch, weil wenig auf ihrem Pro­fil steht und wir die ers­ten Gäs­te sein wer­den. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Nach einer Nacht in Zug­di­di pla­nen wir nach Chu­be­ri zu fah­ren. Es ist der 2. Janu­ar, ein offi­zi­el­ler Fei­er­tag, und der Fah­rer der Mashrut­ka (Mini­bus) nach Chu­be­ri ist wohl noch am Aus­schla­fen sei­nes Rau­sches. Wir erge­ben uns unse­rer Pech­sträh­ne und neh­men wie­der ein­mal ein Taxi.

Wir kön­nen die wei­ßen Ber­ge schon von wei­tem sehen und freu­en uns schon. End­lich Schnee! Wir stei­gen immer höher und die letz­ten sie­ben Kilo­me­ter geht es über eine löch­ri­ge, teils ver­eis­te und ver­schlamm­te Stra­ße nach Chu­be­ri. Mit dem unaus­ge­füll­ten Couch­sur­fing-Pro­fil im Kopf tas­ten wir uns über das Glatt­eis zum Haus von Salo­me vor. Ein auf­ge­dreh­ter Wel­pe springt uns direkt an und wir sehen Salo­me.

Wir wer­den so herz­li­chen emp­fan­gen, dass wir uns sofort wie zuhau­se füh­len. Wir dür­fen unser eige­nes Zim­mer im ers­ten Stock bezie­hen. Als wir wie­der in die war­me Wohn­stu­be kom­men, erwar­tet uns ein geor­gi­sches Fest­mahl: mit Wal­nusspas­te gefüll­te Auber­gi­nen, mit Käse und Ei gestopf­te Teig­fla­den (Chat­scha­pu­ri), ein bun­ter Salat und vie­les mehr. Wir ler­nen die Mama und die zwei Schwes­tern von Salo­me ken­nen. Lang­sam füllt sich das Pro­fil in unse­rem Kopf. Wir unter­hal­ten uns über das Dorf, das nahe­lie­gen­de Abcha­si­en, das geplan­te Stau­damm­pro­jekt, bei dem der Vater als Wäch­ter arbei­tet, und die Lebens­träu­me der Schwes­tern. Salo­me und Ela­da haben bereits die Schu­le been­det und pla­nen bald zu stu­die­ren. Sie zei­gen uns ganz stolz ihr Album mit geor­gi­scher Schrift in Kali­gra­phie. Salo­me hat sogar einen Preis dafür gewon­nen. Tama­ra ist noch am ler­nen, und sie fragt uns, ob wir ihre Dorf­schu­le sehen möch­ten. Na klar!

In den Klas­sen­räu­men wird noch mit Holz geheizt. Der Boden bie­tet zahl­rei­che Stol­per­mög­lich­kei­ten.

Die Welt hier in Chu­be­ri.

Abends ver­brin­gen wir die Zeit mit Spie­len. Sche­re Stein Papier, Gal­gen­männ­chen, Wer bin ich und Knif­fel berei­ten den Mädels viel Spaß und wir haben eine fabel­haf­te Zeit zusam­men. Ab und zu ver­sucht auch der Wel­pe Tuzik hin­ein­zu­schau­en. Ich habe ihm “Sitz”, “War­te” und “Komm” bei­gebracht. Er ist zu 100% ver­spielt, aber auch sehr intel­li­gent. Die Fami­lie hat ihn eigent­lich nur als Wach­hund, wes­we­gen er wohl unter­for­dert ist. Und es ist kalt drau­ßen.

Am nächs­ten Tag machen wir eine lan­ge Wan­de­rung durch die wei­ße Win­ter­land­schaft. Schnee­ball­schlacht natür­lich inbe­grif­fen.

Die­se Fluss soll nur eini­ge weni­ge hun­dert Meter wei­ter auf­ge­staut wer­den. Die Fami­lie hat gemisch­te Gefüh­le über die­ses Pro­jekt.

Chu­be­ris robus­te Berg­kü­he

Der arme Eichel­hä­her wird die­sem Herrn als Abend­brot die­nen. Er hat jeden von uns ein­mal mit sei­ner Pis­to­le schie­ßen las­sen.

Jedes Mal, wenn wir uns an den klei­nen Wohn­zim­mer­tisch set­zen, bekom­men wir direkt Essen vor­ge­setzt. Wir haben in der Zeit ver­mut­lich 3 kg zuge­nom­men. Die Mädels sind jedoch am fas­ten und ernäh­ren sich gera­de vegan. Ich bekom­me von der Mama bei­gebracht, wie Chat­scha­pu­ri her­ge­stellt wird. Der Abschied nach 3 Tagen fällt uns sehr schwer. Es war so eine war­me und bun­te Zeit zusam­men mit der Fami­lie.

Die­ses Bild zeigt uns mit den zwei Schwes­tern Salo­me und Tama­ra, Mama, Papa und Tuzik vor ihrem Haus in Chu­be­ri.

Wei­ßes Mes­tia
Unser nächs­ter Stop ist Mes­tia. In einem süßen Guest­house wei­chen wir den Schnee­stür­men aus und in den schnee­frei­en Zei­ten erkun­den wir die Umge­bung. Wir sind etwas trau­rig, da die erfolg­rei­che Fahrt in das höchst­ge­le­ge­ne, ganz­jäh­rig bewohn­te Dorf Euro­pas namens Ush­gu­li (auch UNESCO-Welt­kul­tur­er­be) nicht sicher­ge­stellt wer­den kann. Der Schnee ist ein­fach zu hoch. Und auch Wan­dern wäre schwie­rig, da wir die Wege nicht fin­den wür­den. Also ver­brin­gen wir Zeit mit unse­rer Web­sei­te und besu­chen das modern auf­be­rei­te­te Muse­um zur Geschich­te Sva­ne­ti­ens.

Das Geschichts­mu­se­um in Mes­tia ist einen Besuch Wert. Man erfährt viel über die Ver­gan­gen­heit die­ser Regi­on. Anti­ke Fun­de aus der Stein- und Bron­ze­zeit bele­gen die Hand­werks­kunst der Ein­woh­ner hier. Ton­ar­bei­ten, Holz­tru­hen, Schmuck, Pfeil­spit­zen und vie­les wei­te­re möch­ten bestaunt wer­den.

Die Sva­ne­ti-Dör­fer sind bekannt für ihre stei­ner­nen Wehr­tür­me. Jedes Haus hat frü­her über so einen Turm ver­fügt.

Über­all in Geor­gi­en fin­den wir treue und kuschel­be­dürf­ti­ge Beglei­ter auf Zeit. Wir sind aus­schließ­lich lie­ben Stra­ßen­hun­den begeg­net, die in den meis­ten Fäl­len kas­triert, gechipt und ent­wurmt sind. Das ein­zig gefähr­li­che an ihnen: ein­mal ange­schaut fol­gen sie dir auf Schritt und Tritt.

Bie­nen­stock mit Schnee­häub­chen – das Mes­tia-Pen­dant zu Bie­nen­stich mit Sah­ne­häub­chen

Löch­ri­ge Fahr­ten
Vor­erst haben wir genug Win­ter­land­schaft getankt und bege­ben uns auf den Weg nach Tbi­li­si (bzw. Tif­lis oder Tbi­lis­si), die Haupt­stadt Geor­gi­ens. Es sind 10 Stun­den Fahrt von Mes­tia aus.

Eine Mashrut­ka von innen. Die Mini­bus­se sind sehr güns­tig. Für eine Stun­de Fahrt bezahlt man unge­fähr 3 Lari (unge­fähr 1 Euro). Wir haben auch gele­sen, dass die Züge in Geor­gi­en sehr gut sein sol­len, aller­dings sind sie meis­tens lang­sa­mer als die Mashrut­kas, dafür aber auch güns­ti­ger.

Egal, wo man hin­schaut, in Geor­gi­en sieht man Ber­ge.

Tbi­li­si
In Tbi­li­si ver­brin­gen wir ins­ge­samt ca. 2 Wochen. Die Hälf­te der Zeit ver­brin­gen wir in Apart­ments, um an unse­rer Web­site zu arbei­ten. Der Haupt­grund: wir war­ten auf unser Iran-Visum. Sight­see­ing fällt wäh­rend die­ser Zeit lei­der ein biss­chen kurz. Doch ein paar Ein­drü­cke konn­ten wir uns doch machen.

Durch Tbi­li­si führ­te frü­her die Sei­den­stra­ße. Vie­le Kara­wan­se­rei­en befin­den sich im Stadt­zen­trum, aller­dings haben sie ihren tra­di­tio­nel­len Cha­rak­ter ver­lo­ren und die­nen nun als Super­märk­te, schi­cke Restau­rants oder Mode­ge­schäf­te. Die schi­cke­re Sou­ve­nir­shop­ping­mei­le “Mei­dan Baza­ri” befin­det sich nahe der Metekhi Brü­cke. Sie führt unter­ir­disch unter der Stra­ße hin­durch und hat einen beson­de­ren Charm.

Der Ein­gang des Mei­dan Baza­ri wird durch die­se beson­de­ren Brief­käs­ten mar­kiert, die eine Anspie­lung auf die Sei­den­stra­ße bie­ten.

Manch­mal haben wir außer­halb geges­sen, wie hier im Kiwi Vegan Café. Auch die Hum­mus­bar und Mama Ter­ra Veg­gie Cor­ner haben wir getes­tet und waren zufrie­den mit dem vega­nen Essen. Bei der Suche nach veg­gie Restau­rants hilft übri­gens die Web­sei­te www.happycow.net.

Neben dem lecke­ren Essen haben wir auch zwei Bücher aus der Bücher­ecke mit­ge­nom­men, dar­un­ter auch “Flight from USSR” von Dato Turash­vi­li. Die­ses hat uns in die Sowjet-Geschich­te Geor­gi­ens kata­pul­tiert und eini­ges klar gemacht.

Wenn nicht gera­de gefas­tet wird, dann ist das geor­gi­sche Essen sehr def­tig: jede Men­ge Fleisch und Käse. Da wir uns wäh­rend unse­rer Rei­se vege­ta­risch oder vegan ernäh­ren, haben wir eini­ge Spe­zia­li­tä­ten wie Khink­ha­li (mit Fleisch gefüll­te Teig­ta­schen) links lie­gen las­sen. Zum Nach­tisch dür­fen es süße Sachen sein.

Bun­te Läden wie die­se sieht man in Geor­gi­en öfter. Die komi­schen Würs­te sind übri­gens Nüs­se umhüllt mit ver­dick­tem Trau­ben­saft.

Archi­tek­to­ni­scher Kud­del­mud­del
Archi­tek­to­nisch ist Tbi­li­si ein Durch­ein­an­der aus sowje­ti­scher, ortho­dox-reli­giö­ser, moder­ner und tra­di­tio­nel­ler Gebäu­de.

Innen­hö­fe wie die­ser hier sind öfter anzu­tref­fen.

Höl­zer­ne Vor­bau­ten und Bal­ko­ne sind das Mar­ken­zei­chen der Alt­stadt Tbi­li­sis.

Die Frie­dens­brü­cke (Peace Bridge) ist ein Bei­spiel für ein moder­nes Pro­jekt in Tbi­li­si. Sie führt über den pro­mi­nen­ten Mtkva­ri-Fluss.

Es wird ins­ge­samt viel gebaut und abge­ris­sen. So wie die­ses eigent­lich schö­ne Gebäu­de. arbeits­si­cher­heit wird aller­dings nicht groß geschrie­ben. Und nach der Arbeit wer­den die gut erhal­te­nen Stei­ne in Klap­per­kis­ten nach Hau­se trans­por­tiert und pri­vat ver­wen­det. Unge­wöhn­li­ches Second­Hand-Shop­pen.

Auch Außer­ge­wöhn­lich sind die klei­nen Hand­werks­lä­den.

Die­ser Repa­ra­tur­la­den ist voll von Krims­krams.

Und wohin jetzt? In Tbi­li­si fin­det man sich dank der Schil­der immer gut zurecht. Auch die Men­schen hel­fen einem ger­ne.

Die 1,5km lan­ge Rusta­we­li-Stra­ße, die in den Liber­ty Squa­re mün­det, soll eigent­lich zum Shop­pen und Schlen­dern ein­la­den. Uns gefällt sie lei­der über­haupt nicht. Die vier­spu­ri­ge, sehr viel befah­re­ne Stra­ße wur­de anschei­nend nur für den Auto­ver­kehr kon­zi­piert und Unter­füh­run­gen sind rar gesät. Ins Auge fal­len aller­dings die Regie­rungs­ge­bäu­de und die Oper. Sie erin­nert etwas an osma­ni­sche Archi­tek­tur, ist aller­dings von dem Deut­schen Vik­tor Schrö­ter.

Um der lau­ten und stin­ken­den Stadt zu ent­flie­hen haben wir an einem Tag eine Rund­wan­de­rung hoch zum Mtats­min­da-Park und zurück in die Stadt gemacht. Im Park befin­det sich ein Frei­zeit­park, der bun­te Fern­seh­turm und das still­ge­leg­te Rie­sen­rad. Auch per Seil­bahn könn­te man dort­hin, doch die Stre­cke durch die Wäl­der bie­tet eine gute Abwechs­lung.

Als uns auch die­se kur­ze Erho­lungs­pha­sen zu wenig waren, haben wir dan­kend das Ange­bot unse­rer SER­VAS-Gast­ge­be­rin Mary Ellen ange­nom­men und sind mit ihr in ihr Dorf­häus­chen 40km von Tbi­li­si ent­fernt gefah­ren. Dort haben wir 5 Tage unse­re Ruhe gehabt.

Die Dorf­idyl­le und das pas­sen­de Auto dazu.

Vom Buch “Flight to USSR”, das von der Zeit der Sowje­ti­schen Beset­zung Geor­gi­ens erzählt, haben wir gelernt, dass die Men­schen nichts besit­zen durf­ten außer ihr eige­nes Grab. Des­we­gen haben die­se frü­her einen hohen Stel­len­wert gehabt und wur­den ab und zu sogar mit Fahr­rä­dern und Autos “ver­ziert”. Heut­zu­ta­ge sind sie mit einem Zaun genau abge­steckt. “Meins”.

Die Stein­häu­ser haben schö­ne, indi­vi­du­el­le Mus­ter. Es lohnt sich, durch die Dör­fer Geor­gi­ens zu zie­hen und die­se zu bewun­dern.

Nach­dem sich unser Online-Sta­tus für die Bean­tra­gung des Iran-Visums sich noch immer nicht von “Wai­ting for Accep­tan­ce” auf “Appro­ved” umge­än­dert hat, ent­schlie­ßen wir zur Bot­schaft zu gehen. Der Herr ist sehr unfreund­lich und sagt nur, dass wir mit Rei­se­bü­ro eine 8020 Wahr­schein­lich­keit hät­ten und lehnt uns ab.

Wir ent­schlie­ßen, es als nächs­tes in Arme­ni­en mit dem Visum zu ver­su­chen. Trotz­dem genie­ßen wir die Zeit in Geor­gi­en wei­ter­hin.

Gol­de­nes Geor­gi­en
Die Geor­gi­er sind reli­gi­ös und ihr ortho­do­xer Glau­ben ist ihnen sehr wich­tig. Über­all sehen wir Klös­ter und Kir­chen. Sobald die Men­schen eine die­ser geist­li­chen Stät­ten sehen, kreu­zi­gen sie sich. In der Mashrut­ka führt das schon auf kur­zen Stre­cken zu “Mas­sen­kreu­zi­gun­gen“.

Man­che Gläu­bi­ge haben in Klös­tern oder Kathe­dra­len wie der Sve­tits­kho­ve­li Kathe­dra­le in der ehe­ma­li­gen Haupt­stadt Mts­k­he­ta viel zu tun. Denn sie küs­sen jedes ein­zel­ne Bild mit Jesus und/oder Maria min­des­tens ein Mal und stup­sen es mit der Stirn an. Mts­k­he­ta gibt es übri­gens bereits seit über 3000 Jah­ren und ist ein UNESCO-Welt­kul­tur­er­be.

Einem wei­te­ren Klos­ter begeg­nen wir in Bor­jo­mi. Der zustän­di­ge Ver­wal­ter hat hier wohl einen klei­nen Sam­mel­tick.

Bor­jo­mi ist bekannt für sein hei­len­des Mine­ral­was­ser und den Bor­jo­mi-Kha­ragau­li Natio­nal­park. Die­ser ist der ältes­te aller Natio­nal­parks in Geor­gi­en und der am bes­ten tou­ris­tisch erschlos­se­ne.

Der Natio­nal­park wur­de uns von Maka vom WWF Kau­ka­sus emp­foh­len. Wir haben mit ihr ein Inter­view in Tbi­li­si geführt und aller­hand erfah­ren. Sie setzt sich schon seit über 10 Jah­ren für den Schutz der anti­ken Stö­re und das gesam­te Kau­ka­sus­ge­biet ein. Eine ziem­lich hei­ße Ange­le­gen­heit, da die Län­der poli­tisch nicht gera­de auf dem grü­nen Zweig sind. Doch sie beißt sich tap­fer durch. Hin­ter­grün­de könnt ihr hier lesen.

Bevor man eine Wan­de­rung macht, mel­det man sich im Natio­nal­park­zen­trum an. Wir fül­len einen Zet­tel mit unse­ren Infor­ma­tio­nen aus, bekom­men hilf­rei­che Tipps zu allen mög­li­chen Akti­vi­tä­ten und dür­fen nun offi­zi­ell in den Natio­nal­park ein­tre­ten.

Wir fin­den einen Schön­wet­ter­tag und machen eine klei­ne Wan­de­rung. Lei­der ist ein stei­ler Teil des Weges sehr ver­eist. Des­we­gen ent­schlie­ßen wir uns nicht die zwei­tä­gi­ge Wan­de­rung mit Über­nach­tung in einer Berg­hüt­te zu machen.

Der Aus­blick belohnt uns für den rut­schi­gen Auf­stieg.

Im Stadt­park Bor­jo­mis fin­den wir das ältes­te Was­ser­kraft­werk Geor­gi­ens. Es ist gera­de unter Reno­vie­rung, wie es auf dem Schild heißt. Aller­dings kön­nen wir kei­ne Spur davon sehen.

Tram­pen ist in Geor­gi­en wirk­lich ein­fach. Wir muss­ten nie lan­ge war­ten. Zur Kom­mu­ni­ka­ti­on dien­ten haupt­säch­lich mei­ne spär­li­chen Rus­sisch­kennt­nis­se. Denn die älte­re Genera­ti­on spricht noch gut rus­sisch. Die bei­den jun­gen Her­ren haben uns nach einer Fahrt sogar ihr Wind­schutz­schei­ben-Hun­de­mas­kott­chen geschenkt.

Als letz­ten Stop in Geor­gi­en vor Arme­ni­en sehen wir uns Akhal­sik­he an. Hier befin­det sich eine (zu) reno­vier­te Burg namens Raba­ti.

So war Geor­gi­en für uns- ein Fazit
Nach einem stolp­ri­gen Start hat sich Geor­gi­en für uns als ein äußer­lich sehr kal­tes aber inner­lich sehr war­mes Land her­aus­ge­stellt. Die Men­schen sind sehr herz­lich und Gäs­te wer­den nach einem Sprich­wort gleich­ge­stellt mit Göt­tern. Als Geschichts­fan kommt man in Geor­gi­en voll auf sei­ne Kos­ten: in den moder­nen Muse­en und dem archi­tek­to­ni­schen Durch­ein­an­der kann man die Ver­gan­gen­heit qua­si spü­ren. Kul­tu­rell kann Geor­gi­en durch das außer­ge­wöhn­li­che Essen, die Spra­che und sei­ne ver­schnör­kel­te Schrift, die Tän­ze und vie­lem mehr punk­ten. Die wun­der­schö­ne Natur und den kau­ka­si­schen Bio­di­ver­si­tätshot­spot mit sei­nen ende­mi­schen Arten konn­ten wir aller­dings nur erra­ten. Die­se Schät­ze waren für uns größ­ten­teils lei­der unter einer dicken Schnee­schicht ver­steckt.

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