In vielen Autos durch Albanien

In vielen Autos durch Albanien

Alba­ni­en ist doch gefähr­lich!“ Das haben wir lei­der öfter gehört als uns lieb ist. Dass Alba­ni­en nicht gefähr­lich ist, haben wir Anfang Novem­ber 2018 erfah­ren. Eine Woche lang sind wir per Anhal­ter durch Alba­ni­en nach Grie­chen­land getrampt. Lies hier Geschich­ten über unse­re Trips in die alba­ni­schen Alpen und in ein vogel­rei­ches Feucht­ge­biet und Begeg­nun­gen mit einem erfolg­rei­chen Archi­tek­ten und einem Mafia-Mit­glied.

Pünkt­lich am 1. Novem­ber geht es mit posi­ti­ver Ener­gie, vol­ler Vor­freu­de und etwas Respekt los. Wäh­rend unse­rer Rad­tour durch Alba­ni­en haben wir näm­lich haupt­säch­lich ent­we­der voll besetz­te Klap­per­kis­ten oder fet­te Luxus­ka­ros­sen gese­hen. Doch wie sich her­aus­stell­te, waren unse­re bösen Vor­ah­nun­gen nicht begrün­det.

Unse­re ers­te Mit­fahr­ge­le­gen­heit lässt aber nicht lan­ge auf sich war­ten: ein deut­sches Pär­chen, die in Ulcinj mit ihrem Wohna­gen Urlaub machen. Wir unter­hal­ten uns auf der Fahrt nach Shko­der über ihre Töch­ter und ihre Erfah­run­gen in einem afri­ka­ni­schen Land.

Von Shko­der Mit­te geht es im Fuß­marsch Rich­tung Stadt­en­de, wo wir bei Regen von dies­mal zwei Frau­en, auch Deut­sche, mit­ge­nom­men wer­den. Ihr Ziel: die alba­ni­schen Alpen. Super, da möch­ten wir auch hin! Zusam­men fah­ren wir durch ein lan­ges Tal, an einem Gefäng­nis vor­bei immer Rich­tung Zacken am Him­mel. Die letz­ten Kilo­me­ter geht es in Schlän­gel­li­ni­en den Berg hoch. Bei einem klei­nen Café wer­den wir dann aus­ge­setzt. Es reg­net, aber wir dür­fen uns net­ter­wei­se beim Café unter­stel­len. Alle 15 bis 20 Minu­ten kün­digt sich ein Auto an. Dann springt einer von uns schnell auf und macht mit einem aus­ge­streck­ten Dau­men deut­lich, dass wir bit­te mit­ge­nom­men wer­den möch­ten. Kei­ne Chan­ce. Nach dem drit­ten Auto bestel­len wir uns einen Tee und über­le­gen schon zu fra­gen wie teu­er ein Zim­mer im ange­schlos­se­nen Guest­house ist.

Gera­de als wir den Tee aus­ge­trun­ken haben, kommt unse­re Erlö­sung: Ein Land­ro­ver hält an. Wir dür­fen mit­fah­ren! Schnell die Ruck­sä­cke ver­staut und los geht’s. Wir sit­zen auf der Rück­bank. Der Fah­rer ist ein sym­pa­thi­scher Alba­ner um die 40 namens Fred. Auf dem Bei­fah­rer­sitz erzählt sei­ne hüb­sche Frau Rosa in gutem Deutsch, dass wir Glück haben, da die Stre­cke nach Theth in man­chen Jah­ren schon ab dem 1. Novem­ber wegen star­kem Schnee­fall gesperrt war. Und wir haben noch mehr Glück: die bei­den besit­zen näm­lich ein tra­di­tio­nel­les Guest­house in Theth und ein Eco Gar­ten Guest­house in Shko­der. Sie laden uns spon­tan ein in ihrem eigent­lich schon geschlos­se­nen Stein­haus sehr güns­tig zu über­nach­ten. Wir stim­men natür­lich zu. Aller­dings ist die Stra­ße so übel, dass wir uns erst nicht vor­stel­len kön­nen, dass wir lebend ankom­men. Die ein­spu­ri­ge Schot­ter­stra­ße ist in den Berg gehau­en und rechts von uns geht es steil berg­ab- mehr als 300 Höhen­me­ter. Leit­plan­ken Fehl­an­zei­ge! Wie schön, dass auch noch Gegen­ver­kehr vor­beimöch­te! Die Fahr­küns­te von Fred sind aller­dings sehr gut, und so kom­men wir wohl­auf in unse­rer Unter­kunft für heu­te Nacht an.

Wäh­rend wir hel­fen ein unfass­bar üppi­ges Fest­mahl zu Abend zuzu­be­rei­ten, erfah­ren wir, dass Rosa hier auf­ge­wach­sen ist und wir in der ers­ten Tou­ris­ten­un­ter­kunft in Theth über­nach­ten dür­fen. Rosa hat sogar Tou­ris­mus stu­diert und die Tou­ris­mus­bran­che und das Wan­der­we­ge­netz mit auf­ge­baut. Detail­lier­te Kar­ten an den Holz­wän­den zeu­gen davon. Gut gefüllt und mit inter­es­san­ten Geschich­ten legen wir uns so in unser Bett­chen. Was für ein über­aus deut­scher Tag! Heim­weh haben wir trotz­dem nicht.

Am nächs­ten Mor­gen erwar­tet uns wie­der ein ordent­li­ches Berg­früh­stück. Vol­ler Ener­gie und ohne Wol­ken am Him­mel machen wir uns dann auf die Wan­der­stre­cke von Theth nach Valbo­na (übri­gens zwei der ins­ge­samt 16 Natio­nal­parks in Alba­ni­en). Uns erwar­ten tol­le Aus­bli­cke und eine wun­der­schö­ne Natur.

Die ca. 6‑stündige Stre­cke hat uns echt begeis­tert! Wir kön­nen die­se Natur und das Wan­dern aber eigent­lich nur genie­ßen, da Rosa und Fred unse­re schwe­ren Back­packs mit nach Shko­der genom­men haben. Dafür sind wir ihnen sehr dank­bar.

Die Stre­cke von Valbo­na nach Shko­der zu tram­pen war wirk­lich nicht ein­fach. Wir haben eine Nacht in einem Hotel in Bajram Cur­ri über­nach­tet. Da wir früh­mor­gens die Fäh­re in Fier­za lei­der nicht bekom­men haben, sind wir über eine extrem wenig befah­re­ne Stra­ße getrampt. Wahr­schein­lich das ein­zi­ge Auto, das hier inner­halb einer Woche die Stre­cke über die sehr ber­gi­ge Stra­ße gefah­ren ist, hat uns gegen ein paar Lek mit­ge­nom­men. Laut der Mei­nung der loka­len Ein­woh­ner wäre es bes­ser gewe­sen 150 km mehr in Kauf zu neh­men und über den Koso­vo zu fah­ren!

Die Nacht in Shko­der im Eco Gar­ten Guest House von Rosa und Fred tut uns nach der tur­bu­len­ten Fahrt von Valbo­na echt gut! Das wie­der ein­mal üppi­ge Früh­stück stärkt uns für die wei­te­re Stre­cke. Fred ist sogar noch so nett und bringt uns zu einer guten Tramp­po­si­ti­on.

Nach nur ein paar Minu­ten war­ten nimmt uns ein net­ter Rent­ner in sei­ner Klap­per­kar­re mit. Er spricht gutes Eng­lisch, da er vie­le Jah­re als Tisch­ler in New York gear­bei­tet hat. Nach einem schwe­ren Arbeits­un­fall ist er nun geh­be­hin­dert, lebt aber als glück­li­cher Früh­rent­ner in sei­nem Hei­mat­land.

Gro­ße Kon­tras­te gibt es auch in Alba­ni­en zwi­schen Reich und Arm. Ich habe schon im August bei der Rad­rei­se den Wunsch geäu­ßert, dass ich mal ein Mit­glied der Mafia ken­nen­ler­nen möch­te. Die­ser Wunsch ist dann auch beim Anhal­ten eines schwar­zen Audi S8 in Erfül­lung gegan­gen. Der „Mafia-Mann“ mit der Gold­ket­te war super sym­pa­thisch. Die Schrot­ku­geln in der Box auf dem Rück­sitz hat er nicht gegen uns ein­ge­setzt. Offi­zi­ell arbei­tet er übri­gens in einem ita­lie­ni­schen Restau­rant in Ams­ter­dam. Das habe ich aber erst beim drit­ten Mal fra­gen erfah­ren. Davor hat er die Fra­ge nach sei­nem Beruf ein­fach igno­riert. Die unfass­ba­re Geschich­te sei­nes Auto-„Kaufs“ müs­sen wir schon etwas belä­cheln. Er erzählt uns näm­lich, dass er das Auto von einer rumä­ni­schen Fami­lie ver­kauft bekom­men hat, die ganz schnell zurück nach Eng­land flie­gen muss­te. Somit konn­te er ein sagen­haf­te Schnäpp­chen machen. In neu kos­tet der S8 über 80.000 Euro – er hat es für 3.000 Euro bekom­men.

Ein klei­ner Teil des Natio­nal­parks Divja­ka-Kara­vasta

Ein paar Tage spä­ter und noch mehr Tram­per­fah­run­gen rei­cher kom­men wir im Natio­nal­park Divja­ka-Kara­vasta an. Dort hat sich Enea über couchsurfing.com bereit­erklärt uns für 2 Näch­te zu hos­ten. Was für ein Zufall, dass er für den Natio­nal­park arbei­tet und sich bereit erklärt, dass wir ihn auf sei­ner Arbeit beglei­ten dür­fen. So ist die­ses tol­le Video  zustan­de­ge­kom­men.

Unser Fahr-Favo­rit (oder Fahr­vo­rit 🙂 war ein neu­gie­ri­ger und spen­dier­freu­di­ger Gebär­den­spra­chen­ex­per­te. Alles begann mit einer War­te­zeit:

Laa­ang­wei­lig. Wirk­lich lang­wei­lig. Stef­fen steht mit einem Papp­schild, das wir mit dem Wort „Fier“ bekrit­zelt haben, am Stra­ßen­rand. Jede Sekun­de zischt ein Auto mit dem Kenn­zei­chen AA vor­bei. Das steht für Alba­ni­en (das ist neu­er­dings so gere­gelt, damit die kor­rup­ten Poli­zis­ten nicht nur die rei­chen Tira­ner, leben in der Haupt­stadt, anhal­ten). Es sind ange­neh­me 18° Grad und die Son­ne scheint. Ich ver­su­che etwas nütz­li­ches zu machen und notie­re kurz unse­re letz­te Tram­per­fah­rung in unser Tage­buch: <>

Wir war­ten schon eine gute hal­be Stun­de hier neben einer Tank­stel­le. Auf ein­mal geht alles ganz schnell. Ein sil­ber­ner Mer­ce­des E‑Klasse hält an. Stef­fen öff­net die Tür und fragt, wo es hin­geht. „Fier“ ist die Ant­wort. Super! Also schnell die schwe­ren und sper­ri­gen Back­packs in den lee­ren Kof­fer­raum ver­frach­ten, ein­stei­gen und los geht’s. Ich sit­ze zur Abwechs­lung mal vor­ne. Nach nur einem Satz steht fest: Unser net­ter Fah­rer kann kein Wort Eng­lisch. Und auch kein Deutsch. Eigent­lich nur Alba­nisch. Aber er lacht nur und zeigt uns an, dass das ja nicht so wich­tig ist.

Nur 15 Minu­ten spä­ter wis­sen wir bereits fol­gen­des: Unser Fah­rer ist 63 Jah­re alt, heißt Syr­ja, wohnt in Tira­na und hat dort eine Bau­fir­ma mit 30 Ange­stell­ten. Gebaut wer­den Apart­ment­hoch­häu­ser im Tou­ris­ten­ort Vlo­ra direkt am Meer. Er hat drei Kin­der: einen Sohn, 22, wohn­haft in Istan­bul und zwei Töch­ter, die eine 30 und wohnt in Wien, die ande­re 30 und in Tira­na. Syr­ja kommt auf die Idee die­se Toch­ter anzu­ru­fen, damit ich mit ihr tele­fo­nie­ren kann. Sie spricht sehr gutes Eng­lisch und scheint wie ihr Vater sehr sym­pa­thisch zu sein. Die Toch­ter über­setzt noch ein paar Sät­ze unse­rer Welt­rei­se­ge­schich­te für ihn, und da er die­se span­nend fin­det, ent­schließt er sich spon­tan uns auf einen Kaf­fee ein­zu­la­den. Wir haben uns mit Hän­den und Füßen noch nie so gut mit jeman­dem ver­stan­den!

Auf der wei­te­ren Fahrt hal­ten wir noch ein­mal an einem der bes­ten Burek-Bis­tros weit und breit an und bekom­men 6 rie­si­ge vege­ta­ri­sche Spi­nat-Burek und 2 Mol­ke­drinks zum Mit­neh­men mit. Wir ver­ab­schie­den uns mit vie­len „Fale­min­de­rit“ (alba­nisch für „Dan­ke“) und einer herz­li­chen Umar­mung von unse­rem neu­en Freund.

Städ­te­tech­nisch hat uns Gji­ro­kas­tra sehr gut gefal­len. Die Stein­stadt im Süden Alba­ni­ens hat die Aus­zei­chung als UNESCO-Welt­kul­tur­er­be auf jeden Fall ver­dient. Die stei­ner­nen Gebäu­de fügen sich magisch in die umge­be­nen Gebir­ge des Mali i Gje­rë ein.

Der Glo­cken­turm auf dem Burg­berg trohnt über der Stadt.

Die Burg behei­ma­tet ein Waf­fen­mu­se­um, das vie­le Kano­nen und ande­re Kriegs­waf­fen aus dem 1. und 2. Welt­krieg behei­ma­tet. Die Sicht von hier ist den stei­len Anstieg wert.

Ver­bor­ge­ne Kam­mer in der Burg­rui­ne…

Fle­der­mäu­se und Fal­ken füh­len sich in der Burg­rui­ne wie die­se male­ri­sche Blu­me auch wohl.

Sicht von der Burg auf die stei­ner­nen Dächer der Alt­stadt in Gji­ro­kas­tra.

Gekonnt gesta­pelt sind die Dächer schon eher mit einem Kunst­ob­jekt zu ver­glei­chen.

Die Alt­stadt Gji­ro­ka­stras am Abend – Sou­ve­nir­lä­den mit Tep­pi­chen, Müt­zen und Sti­cke­rei­en laden zum Schlen­dern ein.

Noch ein­mal zum Mer­ken: Alba­ni­en und gefähr­lich? Von wegen! Alba­ni­en ist für Tou­ris­ten nicht gefähr­li­cher als z.B. Deutsch­land oder ande­re euro­päi­sche Län­der. Tram­pen ist hier gut mög­lich, trotz man­cher voll­be­setz­ten Klap­per­kar­re oder arro­gan­ter Luxus­ka­ros­se. Die Natio­nal­parks laden zum Bestau­nen ein. Alba­ni­en ist ein wun­der­schö­nes Land mit tol­len und hilfs­be­rei­ten Men­schen. Und viel­leicht ist Alba­ni­en in mit­tel­na­her Zukunft schon ein EU-Land. Wir wür­den uns dar­über freu­en! 

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